Martin Rust - Oktober 2005    
 
Milde Sommernachlese - Berliner Version  
     
 

Zugegeben, an manchen Tagen in dieser schönsten Jahreszeit - so sagen viele - war uns gar nicht sommerlich zumute. Zu nass, zu kalt. Aber es gab sie dann doch hin und wieder, diese warm-heißen Tage und die lauen späten Abende. Vielleicht muß man, in der Erinnerung, dieses Jahr etwas genauer hinschauen, und sich etwas mehr konzentrieren, dann findet man den Sommer auch in 2005.

Da denke ich zum Beispiel an meine Joggingstrecke, wie sie so nur in Berlin möglich ist. Ich trete aus unserm Haus an der Wilhelmstraße, wende mich gleich nach links und trabe am neueröffneten "Mahnmal für die ermordeten Juden Europas" vorbei, bin inmitten des ewig dahingleitenden Touristenstromes. Auf den von der Sonne erwärmten dunklen Betonblöcken räkeln sich schwatzende Jugendliche und ein paar Gänge weiter, gleich an den flachen Quadern an der Ebertstraße, erblicke ich einen mittelalten Damenkegelclub. Die Frauen sitzen dort, verzehren ihre mitgebrachten Brote und trinken Tee aus Thermoskannen. Rechts biege ich ab, die Arbeiter an der gerade neu zu errichtenden amerikanischen Botschaft schwitzen in der Baugrube. Zwischen Brandenburger Tor und Reichstagsgebäude ist es übervoll. Mir fallen die Mengen von jungen braungebrannten amerikanischen und australischen tourist guides auf, die so ganz anders als deutsche Oberlehrer-Führer ihre Kundschaft begeistern. In einer lebhaften Kleinkunstshow stellen sie ihrem Publikum die Geschichte des Ortes dar; ein Film läuft ab, fast wie im Kino. Ich hüpfe die Treppen hinterm Reichstag zur Spree hinunter. Diese neue plaza direkt am Ufer ist den Architekten wirklich gelungen und wird von den Menschen aus aller Welt begeistert angenommen. Junge, Alte, Paare und Einzelne sitzen dort, schauen auf den Fluß und die vorbeiziehenden Schiffe. Viele haben ein Fläschchen Wein und Becher dabei, prosten sich zu. Und weiter im Trab. Jetzt kommt der neue Spreeuferweg. Breit , gepflegt und heller Kies. Wie lange wird das in Berlin so bleiben? Aber an diesem hellen, frühen Abend ist er noch schön. Unter den Brücken der Bundesbauten vorbei geht es, am Fluss entlang.

Und dann beginnt die Liegewiese, die sich zwischen Weg und Fluss erstreckt. Viele Leute sind noch da, um den lauen Abend zu genießen. Noch mehr müssen es am Nachmittag gewesen sein. Die Papierkörbe am Wegesrand sind viel zu klein. Aber hier stellen die Menschen den Abfall daneben und lassen ihn nicht einfach liegen - durchaus eine Seltenheit in Berlin. Vor mir sehe ich die gewaltige Baustelle des neuen "Hauptbahnhof - Lehrter Strasse". Zwischen den Türmen der Baukräne färbt sich der Sonnenball langsam rötlich. Die Menschen genießen den Zauber des Anblicks. Ab und zu kommen eine S-Bahn oder ein ICE vorbei. Doch hier müssen auch diese rasenden Pfeile der erdgebundenen Mobilität langsam entlang rollen, und sie fügen sich ein in die Atmosphäre der Ruhe und städtischen Behaglichkeit. Dann, genau gegenüber vom Bahnhof, springe ich auf meiner Uferseite ein paar neuerbaute Treppenstufen empor. Und ich befinde mich (fast) in einer anderen Stadt.

Unter der tiefblauen Himmelskuppel stehe ich in der Weite des neugeschaffenen Alsen-Parks, genau im Spreebogen. Ja, viel kritisiert worden ist er von traditionsbewußten Berlinern. Kaum Bäume, eigentlich nur eine große gepflegte englische Golfrasenfläche durchzogen und eingerahmt von ein paar hellen Fuß- und Radwegen. Also keine sichtverstellenden Bäume und Büsche, kein eng definiertes und begrenztes Territorium für Menschen und ihre Hunde, was viele Bewohner dieser Stadt in Wirklichkeit doch so lieben, allen anderslautenden Gerüchten zum Trotz. Der Alsen-Park bietet einfach nur Weite. Weite, sich zu recken und strecken, auf der Wiese zu liegen. Selbst bei in den Nacken zurückgelegtem Kopf stößt der Rand der Himmelskuppel erst in der Ferne an den Horizont der klein wirkenden Hochhäuser des Potsdamers Platzes. Wie zufällig verstreut dazwischen das flach erscheinende aus Glas und Weiß zusammengesetzte Paul-Löbe-Haus der Abgeordneten und der kubistisch-futuristische Würfel des Kanzleramtes. Hier mache ich eine Laufpause und genieße die unerhörten innerstädtischen Privilegien, die der Alsen-Park bei Sonnenuntergang (und auch bei nächtlichem Sternenhimmel) bietet: luxuriöse Distanz und Ruhe, ein Ort für Gedanken, Träume und leichtes Philosophieren. Er ist das gefühlte Pendant für die abendlichen Wiesen am Ufer der Außenalster in Hamburg, wo die Großstadt ebenfalls nah ist und doch von Ferne nur blinkt. Ich tauche ein in den sinkenden roten Sonnenball und wünsche mir, saß dieses Kleinod noch lange unentdeckt bleiben möge.

Und weiter geht's. Ich erhebe mich, meine Sohlen werden gefedert durch das weiche Grün, mein Gesicht benetzt die leichte Gischt der Rasensprenger. Während ich dem Landschaftsarchitekten noch danke, gelange ich auf die Fläche zwischen Paul-Löbe-Haus und Kanzleramt. Zu beiden Seiten erheben sich grün erleuchtete kleine Wasserfontänen aus dem Boden, jetzt, wo die dunkle Dämmerung den passenden Hintergrund dafür bietet. Welch ein Sommerabend mitten in dieser Stadt. Auf der Reichstagswiese wieder locker entspannte Menschenhäufchen, da und dort, glucksend, lachend. Ein paar Federbälle sirren durch die Abendluft. Der Pariser Platz ist stets belebt. Ich trabe durch den Neubau der Akademie der Künste, die Passage und das Café sind noch geöffnet. Niemand nimmt von dem Jogger Notiz. Könnte ich so auch die "Académie francaise" durchqueren? Ich trete heraus, noch schnell die Behrensstrasse am Mahnmal überqueren, und durch den Hintereingang unseres Hauses bin ich nach drei Minuten wieder daheim in den vertrauten Räumen. Ich öffne einen Fensterflügel des Wohnzimmers und sehe von der Couch aus zu, wie der letzte Schimmer der Dämmerung der warmen Dunkelheit der Nacht für heute endgültig weicht.

War da noch was in diesem Sommer? Oh ja, die vielen Stadtstrände, die sich jedes Jahr zu vermehren scheinen. Einen kleinen Neuen gab es, gleich in der Nähe von Ostbahnhof hinter einem Stück Mauer von der East Side Gallery, auch am Spreeufer, mit extra angelegtem Brunnenbecken, türkischen Wasserpfeifen, weichen Diwans und natürlich Liegestühlen, dazu ein bißchen Musik zum Entspannen.

Jetzt haben wir einen deutschen Herbst, und der Schreiber dieser Zeilen hofft dennoch auf einen langen Indian Summer mit Blättern in allen Farben. Aber Grün wird wohl nicht mehr dabei sein, egal ob mit "ihm" oder "ihr" oder ein anderer"Kai aus der Kiste", wie viele in Berlin so sagen.

 
     
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